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Ideen zu einer Integralen Anthropologie
Erziehung in der Technischen Welt Entwurf einer Philosophie des Kindes
1. Herrschaft und Knechtschaft — anthropologische Konstanten?
Wir alle wissen, wovon die Rede sein wird, denn wir alle waren einst Kinder. Allerdings haben die meisten von uns ihre damaligen Erfahrungen vergessen oder — schlimmer noch — verdrängen müssen. Manche sind infantil geblieben, gerade dann, wenn sie sich sehr erwachsen vorkommen, aber dies öffnet ihnen noch lange keinen Zugang zur Welt der Kindheit, aus der wir stammen und die doch nicht unsere Heimat ist. Die Erinnerung an unser Kindsein ist verschüttet; versuchen wir, sie zurückzugewinnen, bleibt ein vages Verstehen, ein bittersüsses Gefühl nicht aus. Diese Erinnerung soll uns nicht Erkenntnis ersetzen, aber sie ist vielleicht ein verborgen wirksamer Leitfaden durch das Labyrinth der Erziehung. Denn Erinnerung an unsere eigene Kindheit kann uns davor schützen, Opfer des im Labyrinth lauernden Ungeheuers zu werden, das Selbsttäuschung heisst.
Heute stehen wir auf der anderen Seite, sind "Akteure" im Erziehungsprozess und entwerfen eine "Philosophie des Kindes" handeln und denken also für Menschen, die wir selbst längst nicht mehr sind. Streng genommen sind wir daher Unkundige, können unsere Erziehungsrezepte nicht authentisch ausweisen, ersetzen aber die unaufhebbare Unsicherheit unseres Wissens über Kinder gewöhnlich durch betont forsches Vorgehen. Gewiss werden Erwachsene selten so eindeutig gebraucht wie von Kindern, sind sie dort unersetzbar, aber das dadurch entstehende Gefühl der Unentbehrlichkeit ruft einen Machtrausch hervor, der durch nichts gedeckt ist. Oder Herrscht die Luft, die wir zum Atmen zwingend brauchen, deshalb über uns; hat der Boden, der uns sicher trägt, bereits unsere Unterwerfung gefordert? Notwendigkeit einer Beziehung, selbst wenn sie einseitig ist, hat von sich her keinerlei Hierarchie zur Folge. Dass Kinder auf Erwachsene angewiesen sind, beschreibt eine Aufgabe, kein Herrschaftsverhältnis. Aufgaben sind aber nur angemessen zu erfüllen, wenn Wissen vorhanden ist, und ein sachgemässer Umgang dadurch möglich wird. Je weniger wir Menschen jedoch wissen, umso dogmatischer und herrschsüchtiger ist bekanntlich unser Verhalten. Nirgendwo ist dies offenkundiger als in der Kindererziehung, im Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern. Aber nirgendwo wird dies auch hartnäckiger geleugnet.
Philosophie erfasst nach Hegels Wort ihre Zeit in Gedanken. In der Gegenwart eine Philosophie des Kindes zu entwickeln, bedeutet daher, die technische Welt wie ihre näherkommende, ob ökologische oder atomare Katastrophe in die Bestimmung der Situation des Kindes aufzunehmen. Die Frömmigkeit des Denkens, sagte Heidegger, ist das Fragen. Solches Fragen ist ein beharrliches Fragen, das sich mit keiner schon gegebenen Antwort zufriedengibt. Es wirft auf das Gewohnte und Gesicherte einen "fremden Blick", sucht nicht die übereinstimmung mit unseren Meinungen, sondern Wahrheit. Für Philosophen in diesem Jahrhundert heisst dies nicht, sich "ewige Wahrheiten" zurechtzulügen. Wahrheit begreift stattdessen den geschichtlichen Stand des Weltprozesses, unsere heutige Wirklichkeit. In erster Linie verlangt dies, tapfer zu sein, denn Wahrheit ist immer schmerzhaft, lässt uns nicht bleiben, was wir sind. Mut ist die entscheidende Tugend für Denkende und Mitdenkende. Anthropologische Konstante, wie Schopenhauer sie annahm, bedeuten kein Denkverbot, sondern eröffnen ein Untersuchungsfeld.
Werfen wir einen "fremden Blick" auf das anthropologische Verhältnis, das Eltern und Kinder bilden, durchbricht unsere Wahrheitssuche dabei die Verstellungen und Verdeckungen des alltäglichen Meinens, dann entdecken wir eine wechselseitige Abhängigkeit von besonders abscheulicher Qualität. Denn das Verhältnis Eltern-Kind besteht in einer Versklavung der Kinder, der eine Ausbeutung der Eltern entspricht. Diese Bestimmung sollte nicht als übertreibung oder rhetorischer Effekt gewertet werden. Versklavung und Ausbeutung sind beide in ihrem präzisen Sinn gebraucht. Unfrei ist nach Aristoteles, was nicht sich selbst, sondern einem anderen gehört (Politik 1254 a). Unfreie, Sklaven gehören "von Natur aus" ihrem Herrn, sie sind das, was ihre Eigentümer sie sein lassen. Für Aristoteles waren Sklaven konsequent "lebende Werkzeuge" (Nikomachische Ethik 1161 b) oder das "beseelte Körperteil" (Politik 1255 b) des Herrn. Nun wird jedoch, wie schon in der Antike einige Sophisten einwandten und die Neuzeit als ihr Grundgesetz formuliert, jeder Mensch frei geboren. Er muss also erst in einem besonderen Prozess unfrei gemacht werden. Dies genau heisst Versklavung, und es scheint heute nur noch wenige Weltgegenden zu geben, wo sie geübt wird. Das ist wenigstens unsere übliche überzeugung.
Dem "fremden Blick" aber enthüllt sich Versklavung als der alltäglichste Vorgang. Zwar sind es nicht Arbeitssklaven, die das Bild der gegenwärtigen Sklaverei prägen. Es sind persönliche Sklaven, zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib, zur Befriedigung von Gefühlen bis hin zur ungehemmten Herrschlust. Man nennt sie Kinder. Aristoteles, der noch kein Unrechtsbewusstsein in der Frage der Sklaverei hatte und auch die Emanzipation der Frau nicht kannte, stellte unbefangen Sklaven, Frauen und Kinder nebeneinander. Sie beschreiben drei Arten von Herrschaftsverhältnissen des Mannes. Zwar herrscht auf je andere Weise der Freie über den Sklaven, der Mann über die Frau, der Vater über das Kind, aber die ähnlichkeit ist frappant. Was Aristoteles schönfärberisch "Liebe" bei Kindern, "Freundschaft" bei Frauen und "Aufmerksamkeit"bei Sklaven nennt, sind lediglich Stufen des Beherrschtseins, kennzeichnet durchgängig Menschen, die zur eigenen Vernunft unfähig sind und daher "von Natur aus" den Herrn brauchen (Politik 1254 b). Wichtig ist allerdings bei Aristoteles, dass Kinder durch Erziehung (paideia) aus diesem Zustand herausgeführt werden, und wie Frauen wenigstens potentiell "frei" sind. Solange Menschen aber Kinder sind, bestimmen sie ihr Leben nicht aus sich selbst, haben zu werden, was Eltern wollen, wird ihnen die Fähigkeit zur selbständigen Vernunft abgesprochen. Die vollständige ökonomische Abhängigkeit von den Eltern rundet das Sklavenbild nur ab. überzeugend sind die aristotelischen Kriterien für Sklaverei gerade deshalb, weil er sie nicht auf Kinder anwandte, und hier demselben emotionalen Tabu nachgab, das auch heute noch jede "rationale Diskussion" über dieses Thema als Verrat empfindet. Dabei ist offenkundig, dass die Merkmale der Sklaverei auf die heutige Situation der Kinder zutreffen.
Undeutlich wird das emotional so heftig abgewiesene Bild der versklavten Kinder vor allem auch durch die verwirrende Tatsache, dass der Versklavung der Kinder eine Ausbeutung der Eltern entspricht. Wie kann es denn Herren gehen, wenn diese selbst Opfer sind, unbarmherzig gehetzt von der Vitalität ihrer Kinder, zerrieben zwischen den Mahlsteinen Selbstanspruch und Lebensrealität? Müssen wir nicht "Mitleid mit den Tätern" haben, wie Ekkehart von Braunmühl mahnte? Hegel hat in seiner berühmten Dialektik von Herrn und Knecht vorgeführt, das der Anspruch des Herrn stets auf tönernen Füssen steht und der Knecht seinen Herrn buchstäblich "hinwegarbeitet". Die Schwäche des Herrn ist also keinesfalls ein Argument gegen die Beseitigung "ungerechter Herrschaft". Und jede Herrschaft ist ohne Recht und beruft sich zu Unrecht auf einen anthropologischen Befund. Denn nirgendwo verlangt ein Sachverhalt, sei er Mensch oder Ding, von sich her danach, beherrscht zu werden. Anthropologie und menschliche Geschichte sind nicht austauschbar. Auch Schopenhauers tiefe Einsicht, dass der Quäler und der Gequälte eins sind (Die Welt als Wille und Vorstellung 1, 415 — 19), bedeutet keineswegs, den Quäler sein unseliges Werk weiter tun zu lassen. Im Gegenteil begreift dieser die Tatsache, dass er sich selber quält, indem er anderen Böses antut, wird er sich aus eigenem Antieb läutern. Bis dahin aber ist Widerstand Pflicht.
Die Bestimmung "Ausbeutung der Eltern" ist ebenfalls keine rhetorische übertreibung. Ausgebeutet wird, wer seine Arbeit ohne angemessenen Ausgleich leistet, wem der "Mehrwert" vorenthalten und dessen Lebenssubstanz ohne Rücksicht auf die Folgen vernutzt wird. Natürlich bestreiten Eltern, in diesem Sinne ausgebeutet zu werden, und wenn sie im Hass auf ihre Kinder für Momente klarsichtiger werden, holt sie die gesellschaftlich erzeugte Scham darüber schnell ein. Kinder seien doch nun einmal hilflose Wesen und auf uneingeschränkte Zuwendung angewiesen. Die Einschränkung der Eltern sei naturbedingte Notwendigkeit; wer sich Kinder anschaffe, müsse dann auch konsequent sein. Versagen und Fehler, Ausbeutung und innere Selbstzerstörung werden vor sich und anderen geleugnet. Man flüchtet in die Intimsphäre, zeigt nach aussen ein lachendes Gesicht. Der Wahrheitssucher wird mit Elternideologie abgespeist. Er hört das Hohelied auf die Freuden der Elternschaft, auf den Reichtum an Liebe und Zuneigung, der für alle Entbehrungen, alles Leid, alle Selbstaufgabe reichlich entschädige. Mit Goethes "Faust" gesagt: Die Botschaft hör" ich wohl, allein es fehlt der Glaube. Die Schreckensbilanz des "Sorgentelefons für Kinder" spricht eine andere Sprachei und es ist nur die Spitze eines Eisberges, die dabei sichtbar wird. Es kann zwar nicht darum gehen, Eltern pauschal anzuklagen, aber zu widerstehen haben wir der Selbsttäuschung, der Ideologie, der Beschönigung. Nur die Wahrheit über das heutige Verhältnis von Eltern und Kindern kann uns helfen; mag sie uns auch so unerträglich vorkommen, wie sie leider ist. Gerade dies kann zum Anstoss für eine radikale änderung werden.
Eltern fühlen sich völlig zu Unrecht als die legitimierten Sachwalter ihrer Kinder. Eltern glauben am besten zu wissen, was für ihr Kind gut ist, aber darin wird nur ihre mangelnde Selbstkritik sichtbar. Eltern berufen sich auch ihr vermeintliches Expertentum, ihr Insider — Wissen, und behaupten, keiner kenne ihr Kind so gut wie sie. Aber sind Eltern Sachverständige für ihr Kind? Ihnen fehlen zumeist alle Tugenden des wirklichen Experten: emotionale Distanz zum Sachverhalt, fächerübergreifendes Wissen, Aufgeschlossenheit für Kontrolle und Kritik, Gelassenheit und Augenmass. Stattdessen werden Eltern fanatisch betriebsblind, sobald es um ihre Kinder geht. Die Nähe, die Eltern fälschlich für besondere Vertrautheit halten, ist bloss der Nahkampf. So ergibt sich Zerstörung auf beiden Seiten, ist der Teufelskreis von Versklavung der Kinder und Ausbeutung der Eltern nicht aufzubrechen.
An einem markanten Beispiel soll diese Einschätzung verdeutlich werden: Die fortlaufende Beschäftigung mit seinem Kind bestimmt als "notwendige Zuwendung" heute zentral die Kindererziehung, besonders in den ersten Lebensjahren. Sonst schreit das Kind wie am Spiess, und "aufgeklärte Eltern" finden dies berechtigt. Aber auch die Zwölfjährige erwartet wie selbstverständlich Antworten auf ihre Wissensfragen, statt im Lexikon nachzuschauen, Hilfe bei ihrer Schularbeit und aufmerksame Zuhörer bei ihren "Berichten vom Tage". Diese ständige Präsenz ist Grundpfeiler der Eltern — Kind — Beziehung und deren Grundübel in einem. Die Angst der Eltern, ihren Kindern nicht gerecht zu werden, zu wenig oder das Falsche zu tun, begründet die Tyrannei der Kinder ebenso wie das notorisch "gute Gewissen" der Sklavenhalter Eltern. Denn kann nicht die eigene Aufopferung als Lohn ein "Kinderopfer" verlangen? Eltern bezahlen mit ihrem Leben, und dies ist nicht metaphorisch gesagt, aber dies verschärft paradoxerweise nur das Leiden der Kinder. Was nützt auch ein Opfer, das keiner braucht? Der Preis dafür ist immer zu hoch.
Werden wir noch deutlicher: Heutige Eltern sind — jedenfalls beim ersten Kind — der Literatur zur Kindererziehung hilflos ausgeliefert. Sie hören zwar zu Recht nicht mehr auf ihre eigenen Eltern, denn deren Erziehungsfehler haben sie erleiden müssen, aber sie haben auch nicht die innere Kraft, sich ihres eigenen Verstandes und ihrer eigenen Wahrnehmung zu bedienen. Heutige Eltern sind Feiglinge, ängstlich um ihr Ansehen unter anderen Eltern besorgt; sie sind expertenhörig. Diese Experten haben es weit gebracht in ihrer schlimmen Kunst, Eltern ein "schlechtes Gewissen" einzureden, damit auch das nächste Buch noch gekauft wird. Selbst Waschmittelhersteller könnten hier etwas lernen. Unübersehbar ist auch, dass vor allem junge Mütter sich nicht ungern dem "Stress" der Erziehung aussetzen, und so vor dem Berufsleben geschützt sind. aber bloss Faulheit, für die wir alle nur zu anfällig sind, hält Aktivität, die ermüdet, schon für Arbeit. Es muss einmal klar ausgesprochen werden, dass Eltern ständig unterfordert sind, wenn sie als Aufpasser, Spielgefährte. Nachhilfelehrer, Putzhilfe ihrer Kinder fungieren. Unterford,ru..,: h.i"t aber, dass Eltern ihre eigenen Möglichkeiten nicht vcrwirkii,h, JL (ircnie ihrer Fähigkeiten niemals erreichen. Unterforderung ist ,in Raub an der Persönlichkeit, ein Verstoss gegen die Menschenwürde. und macht ihre Opfer träge und böse. Dass man an Kindern auch unecm,in I,rnen kann, ändert am beschriebenen Sachverhalt nichts. Man sollte endlich sehen lernen, dass Jahrtausende Kinder aufgezogen worden sind. die nicht im entferntesten das plötzlich für unabdingbar gehaltene an Zuwendung hatten. Auch heute sind es die Eltern in den Industriestaat,n. die bei immer weniger Kinder, bei immer mehr Hilfen für den Haushalt dennoch "überfordert" zu sein behaupten. Niemand will bestreiten, dass Kinder Hilfe und Zuwendung brauchen, aber der jetzige perverse Zustand totaler Abhängigkeit hat Gründe, die nicht im Sachverhalt Kind lieeen. sondern durch die eklatante Verwahrlosung der vorgeblichen Sachwalter, der Eltern, hervorgerufen wird.
2. Erziehungskonzepte in der Kritik
Wie reagieren die Pädagogen auf die Krise der Erziehung? Die kritischen unter ihnen müssen feststellen, dass die Herrschaft der "Schwarzen Pädagogik" ungebrochen ist. Das Konzept der Unterwerfung, die das Kind glauben macht, dass dies in seinem Interesse geschehe, wird alltäglich verwirklicht. "Du sollst nicht merken " schrieb Alice Miller, "was mit dir geschieht, und wenn diese subtile Versklavung nicht verfängt, wird das Kind mit Gewalt auf den rechten Weg gebracht 2,
Ein anderes Gesicht der "Schwarzen Pädagogik" und keineswegs ihr Gegenteil ist die von konservativen Kritikern beklagte "Nicht-Erziehung". Eltern haben (oft unbewusst) den Boden unter den Füssen verloren, es fehlt eine "gemeinsame klare Wertüberzeugung von Ja und Nein, Gut und Böse, sicheres Wissen um das Woher, Wozu, Wohin", behauptet Michael Fritzen. Erziehung bleibe aus, und so wachsen die Kinder scheinbar "wild" heran. Aber stimmt das, werden sie nicht ebenso wie ihre Eltern von einer Umwelt "erzogen", die Fritzen ein wenig zu altväterlich, jedoch anschaulich beschreibt: "So bleiben hei ihnen allein Strasse, Comics, Sex-und-Gewalt-Heftchen, hirnlähmende Musik, Mode und der alles aromatisierende Alkohol die Elemente einer Bildung, die die Abfahrt in Verderben oder gar Verbrechen forciert/.3 Fritzens eigener Vorschlag, den Sinn für "gut" und "böse" durch Erziehung wiederzubeleben, ist allerdings so bodenlos wie seine Beschreibung, ohne Sinn für Geschichte. Wir kommen nicht umhin, die Wahrheit der technischen Welt auszuhalten, und in ihr den gemässen Ort der Erziehung zu suchen.
Sympathischer mutet der provozierende Plan der Anti-Pädagogen an, Kinder weitgehend ohne Erziehung aufwachsen zu lassen, das Konzept eines erzieherischen "Friedens mit den Kindern/" .4 Kinder anzunehmen, wie sie gerade sind, so von Braunmühls Leitlinie, ist gewiss ein Schritt in die erwünschte Richtung, aber selbst nicht ohne Gefahr, sich in Romantik zu verirren. Denn wie auch unsere Pflanzen nicht mehr natürlich wachsen, sondern durch unser Verschulden zum Glied einer Gift anreichernden Nahrungskette wurden, so sind auch die Menschen der Gegenwart nichts, was unbesehen angenommen werden könnte. Anthropologisch gesehen, sind wir offensichtlich von unserem Wesen weiter denn je entfernt, sind systematische Lügner und gewohnheitsmässige Fälscher, verdienen uns täglich den Titel des gewissenlosesten Mörders des Universums. Ungerührt fressen wir Reichen, und das sind sämtliche Bewohner der Industriestaaten, den im dumpfen Aberglauben verharrenden Armen der 3. Welt das Brot weg, verurteilen sie zu einem Leben als Vegetieren, zu Siechtum und 50 Millionen ihrer Kinder jährlich zum Hungertod. Dass wir in unserer kurzsichtig-egoistischen Blindheit, kurioserweise "vernünftige Planung" genannt, zugleich auch die biologischen Lebensbedingungen der Gattung zerstören, wird wenigstens das Urteil über uns gleich vollstrecken. Wie wären Kinder vom heutigen Unwesen freizusprechen? Schon im Mutterleib werden sie damit konfrontiert und dadurch geschädigt, und nach der Geburt haben Eltern nichts anders im Sinn, als sie für das verkehrte Leben "richtig" abzurichten.
Fast lächerlich wirkt angesichts dieser Situation Thomas Gordons vielgelobte Einrichtung einer "Familienkonferenz"5, dieses demokratische Spielchen, zusammengesetzt aus Heuchelei und rationalistischem Wunschdenken. Rüscksichtsnahme, Offenheit, Einsicht — sie bedeuten nur eine Scheinlösung, erreichbar allein in der ideologisch "intakten" Familie, und gehen in ihrer schichtenspezifschen Weltfremdheit am wirklichen Problem vorbei. ähnliches gilt für das ansonsten erfrischend subjektive Erziehungskonzept von Elisabeth Dessai. Diese Autorin geht immerhin von der treffenden Beobachtung aus, dass heute bei uns viel zu viel erzogen und die Macht "ungewollter Erziehung" durch Vorbild und durch die absichtslosen Wirkungen der Familienstruktur sträflich unterschätzt wird. Frau Dessai überschätzt ihrerseits aber die Erfahrungen mit ihrer kaum repräsentativen Familie Erziehung muss sein. Muss Erziehung sein? Gewiss nicht Erziehung, der Zöglinge entsprechen, gewiss nicht Erziehung, wie sie die Erziehungswissenschaft den Pädagogen beibringt, aber Erziehung als ein Verhalten, das dem anthropologischen Sachverhalt genügt, der mit dem Begriff Erziehung — gegenwärtig fast völlig entstellt und nur als AntiPädagogik in anfängen sichtbar — "aufgeschlossen"wird. "Integrale Anthropologie" hat Karel Mächa eine vereinheitlichende Feldforschung genannt, die Theorie und Praxis rücksichtslos hinterfragt.? Werallerdings wie Braunmühl um des notwendigen Erkenntnisanstosses willen glaubt, auf Begriffe der Sprache verzichten zu können, deren Missbrauch offenkundig ist, hat von Sprache nichts verstanden. Erziehung darf Erziehung genannt werden. Die Rückkehr zum Wissen geht nur durch die Sprache, die dem, was "der Leib" fühlt, Sichtbarkeit gibt, eine andere Weltsicht eröffnet. Wer Sprache für ein Instrument hält, für eigenen Absichten beliebig einzusetzen, reines Mittel, nicht Medium der Kommunikation, ist Sprachideologe, Kumpan des Erziehungsideologen. Kinderrechtler, die der Sprache ihr Recht nicht lassen können, sind ein Widerspruch in sich selbst. Der Begriff Erziehung verweist auf den Grundsachverhalt der Eltern-Kind-Beziehung: auf das wirkliche Ungleichgewicht, die einseitige Bedürftigkeit, die Notwendigkeit des "Ziehens" wie man einen Karren zieht. Der Anti-Pädagoge hat diese "Selbstverständlichkeit" als "Schwäche" und "Ergänzungsbedürftigkeit" immerhin anerkannt, allerdings — im Hinblick auf die konkrete Situation — den Akzent auf die zum Schutz der Kinder nötigen gesetzlichen Vorrechte und deren Unterstützungsanspruch gelegt. Im Jahre 1989 hat die UNO in ihrer "Konvention über die Rechte des Kindes" das Menschenrecht der Kinder mit aller Schärfe unterstrichen, ein notwendiges Vorgehen, wie der erschreckende UNICEF — Bericht "Zur Situation der Kinder in der Welt" (Dezember 1989) eindringlich zeigt. 1990 soll es dann endlich zum ersten "Weltgipfel für Kinder" kommen.
Am anthropologischen Sachverhalt Erziehung ändert dies phänomenal keinen Deut, hier wäre es stattdessen wichtig, ziehen und wachsenlassen zusammendenken zu können. Unsere fast ausschliesslich zweckrationale Denkweise kann sich Ziehen nicht ohne Ziel vorstellen, dabei hat der Vorgang selbst — ebenso wie das Gehen — überhaupt nichts mit einem Ziel oder Zweck zu tun. Ziehen ist in unserer anthropologischen Verfassung von sich her das Vermögen zu einem Prozess, in dem etwas vorangebracht wird. Wenn diesem Voranbringen, das die Aufgabe nur eines Zuges im Sachverhalt Erziehung ist, ein Wachsenmüssen eines anderen Zuges entspricht, gelingt ein gemeinsamer Prozess, werden zwei Vermögen, die einander brauchen, erfüllt. Dem Lassen des Kindes genügt also das Erziehen der Eltern, beides nicht von aussen verordnet, beides ohne festlegbares Ziel frei, nicht einmal dem Zwang der Selbst-Bestimmung unterworfen. Erziehung muss sein, aber was ist Erziehung?
So erst ist die Frage richtig gestellt, und die vorläufige Antwort darauf wird sich davor hüten müssen, die gegenwärtige Weltwirklichkeit auszuklammern. Dies heisst nicht, dass alle früheren Erziehungskonzepte überholt seien. Friedrich Fröbels von Rousseau beeinflusste Auffassung, der Mensch sei von Natur aus gut, mag eine unzulässige Vereinfachung sein, aber vorausschauend bleibt Fröbels ganzheitliches Bildungs- und Erziehungssystem. In seiner "Menschenerziehung" schrieb Fröbel 1826: "Darum soll und muss das Kind, der junge Mensch, Gleich von seinem Erscheinen auf der Erde, seinem Wesen nach aufgefasst, richtig behandelt und in den freien, allseitigen Gebrauch seiner Kraft gesetzt werden" .8 Nicht mehr weltfremd klingt Fröbels Leitsatz, Kinder wie Pflanzen zu hegen, in der ökologischen Krise. Aber wir wissen leider auch wie "Kindergärten" inzwischen zu Bewahranstalten verkommen sind, und dass das Fröbelsche Konzept an konstruierten ökonomischen "Zwängen" scheiterte. Noch immer haben wir eine Trennung von Schule und Leben, ein im Sinne Fröbels höchst bildungsfeindliches Schulsystem. Wie andere pädagogische Reformer — von Pestalozzi bis Neill — hat auch Fröbel wichtige Anregungen gegeben, aber ihrer aller Schwäche war, die heraufziehende technische Welt noch nicht gekannt zu haben. So bleiben diese Erziehungskonzepte trotz mancher provokativer Züge im Grunde idyllisch und sind kaum geeignet, die heutige Misere der Kinder und Eltern zu beseitigen.
Allerdings haben uns die genannten Pädagogen wenigstens eindringlich belehrt, das Kind als eigenständiges Wesen, als Persönlichkeit eigenen Rechts anzuerkennen. Diese Grundeinsicht auch jeder Philosophie des Kindes ist gegenwärtig zwar Gemeinbesitz, und doch in seiner Erkenntniskraft erst wiederzugewinnen. Gerade bei gutwilligen Eltern, die sich mit ihren Kindern intensiv beschäftigen, verkam das "Eingenleben des Kindes" zu einer Phrase ohne praktische Folgen. Denn ignoriert wird von diesen "aufgeklärten "Eltern", dass Kinder Kinder brauchen und Erwachsene ein unbrauchbarer Ersatz für Kinder sind. Kinder haben ein anderes Weltgefühl, ein anderes Körperwissen, andere Intentionen und Wünsche. Die "Kinderwelt", in der wir alle einmal waren, ist uns seit der Pubertät verschlossen und keine Erinnerung erreicht sie wirklich. Erwachsene, die "best Spielgefährten" und Kameraden ihrer Kinder sind, zerstören trotz bester Absichten die "Kinderwelt", bewegen sich in ihr wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen.
Hält man Eltern dies vor, verweisen sie anklagend auf den Grossstadtverkehr, der es heute nicht mehr zulässt, Kinder wie einst frei auf der Strasse spielen zu lassen, so dass sie spontan Gruppen bilden und auf Abenteuersuche gehen können. Deshalb müssten Kinder in den Wohnungen eingesperrt bleiben, mit Erwachsenen als Ansprechpartner und mit gelegentlich zugeführtem Besuch von aussen. Oder es wird die Auflösung der Grossfamilie dafür verantwortlich gemacht, dass sich der Bezirk kindlicher Erfahrungen auf die engste Familie reduziert hat, aber in beiden Fällen bleiben Eltern blind gegenüber dem, was der nicht bestrittene Sachverhalt auch deutlich zeigt. Eltern privatisieren ein Unrecht, das nur im gesellschaftlichen Kampf zu beseitigen wäre. Denn ist der Autoverkehr, ist die familiäre Vereinzelung unaufhebbares Schicksal? Entsprechen sie nicht bloss einer feige akzeptierten Gesellschaftsform, deren änderung jederzeit zu beginnen wäre? Eltern erschrecken vor dem Fernsehschirm, wenn sie bei einer Demonstration direkt gegenüber der Polizeikette in der ersten Reihe Kleinkinder entdecken. Erschöpft das eigene quengelnde Kind im Arm haltend, schimpfen diese Zuschauer dann selbstgerecht auf die Rabeneltern", die ihre Kinder solchen Gefahren aussetzten und sie für ihre politischen Ansichten büssen liessen. Dabei ist nur dieses Erschrecken schrecklich, und wäre es unwahr, Kinder zu Hause zu lassen, wenn auf die leider einzig erfolgversprechende Weise, mit dem eigenen Leib für deren unverzichtbare Rechte eingetreten wird. Die Rücksicht auf Kinder am falschen Ort bedeutet in der Praxis nur, dass Eltern mit Kindern an keiner Demonstation teilnehmen können. Eltern haben aber die entschlossensten, unbelehrbarsten, kompromisslosesten Kämpfer für eine lebenbswerte Welt zu sein, für eine Zukunft, die diesen Namen verdient. Unbegreiflich ist, dass sich heutige Eltern einfach damit abfinden, ihre Kinder ins Sterben der Gattung Mensch hineingeboren zu haben. Eltern geben ihren Kindern vergiftete Muttermilch zu trinken, lassen sie in einer verseuchten Umwelt aufwachsen und sind auch durch grösste Katastrophenmeldungen nicht aus ihrer Lethargie aufzuschrecken. überfordert vom Alltag der Kindererziehung, lassen sie sich in die private Ecke drängen, machen zum Familienproblem, was ein Weltproblem ist. Dies hat alles mit Kinderliebe nicht das geringste zu tun, aber es zeigt eine Unfähigkeit zu denken, die lebensgefährlich geworden ist.
3. "Sorgentelefon für Kinder" — öffentlich gemachtes Leiden
Das "Sorgentelefon für Kinder" ist ein Produkt der technischen Welt. Der unscheinbare Griff zum Telefonhörer, der jetzt möglich ist, hat die Machtverhältnisse in der Familie verändert. Eltern wissen, dass Kinder nun in der Lage sind, durch das einfache Wählen einer Nummer ihr Leiden öffentlich zu machen. Das "Sorgentelefon" ist der Einbruch der Technischen Welt in die Privatheit der Familie. Durch "hergestellte öffentlichkeit" ist einst in der Studentenbewegung die Macht der Ordinarien gebrochen worden, wurden scheinbar allmächtige Herren als Papiertiger entlarvt. Noch ist das Sorgentelefon" nicht die "grosse Glocke ", mit der alltägliche Misshandlungen als Verbrechen, die sie sind, bekannt würden, aber schon seine Existenz wirkt erzieherisch auf Eltern und schützt Kinder. Im elften Jahr seines Bestehens, ist das "Sorgentelefon" eine in der gesamten Schweiz wirksame Institution. Jeden Monat erhält jeder Haushalt hier einen "Bettelbrief`, der Spendenaufruf und Information zugleich ist. Gerade auch in denjenigen Familien, die nicht spenden, hat der Brief Nebenfolgen besonderer Art. Statt im Papierkorb wie andere Werbebriefe landen die deutlich erkennbaren Zusendungen des "Sorgentelefons" bei den Kindern, offen oder heimlich. Es ist, ob der "grosse Freund" geschrieben hätte, den wir uns doch alle in unserer Kindheit — oft verzweifelt — gewünscht haben. Es war ein Glücksfall, dass nicht ein in Erziehungsschablonen befangener Fachmann, sondern ein Schriftsteller wie Heinz Peyer, dessen Nähe zur Volkssprache bis heute zu spüren ist, das "Sorgentelefon" gründete und leitete. Seine prägnanten Fallgeschichten haben entscheidend zum Erfolg des "Sorgentelefons" beigetragen (im "Anhang" wird Peyer einen phänomenologischen Aufweis versuchen).
Ernstzunehmen sind allerdings Einwände, die befürchten, das "Sorgentelefon" verstärke ein Konsumentenverhalten, biete nur einen Scheinausweg und kuriere an den Symptomen herum .9 Wenn es das Telefon als Beschwerdeinstanz schon gegeben hätte, bemerkte sarkastisch eine der holländischen Vorkämpferinnen für das "Sorgentelefon", Eis van den Bosch, dann wäre die Französische Revolution nicht ausgebrochen. Ist die beruhigende Stimme von Heinz Peyer und die intensive Anteilnahme seiner zahlreichen Berater/innen nicht bloss technisch ermöglichter Ersatz für eine zwischenmenschliche Kommunikation und "Symbiose" (Peyer), die in der Familie selbst wirksam werden müsste? Wahr ist, das "Sorgentelefon" kann nur Nothilfe sein, nicht mehr, nicht weniger. Insofern ist "Heilung durch Telefon" nicht zu erwarten, und das angemessene Verhalten von Eltern und Kindern kann von aussen nicht erzeugt werden. Aber das "Sorgentelefon" vermag noch mehr, es ist, richtig verwendet, Auslöser einer gesellschaftlichen Kommunikation, die auf radikale Veränderung gerichtet ist. Das "Sorgentelefon" hat den Auftrag der Kinder zu erfüllen, ihre verzweifelte Situation an die öffentlichkeit zu bringen, öffentliches Nachdenken zu provozieren. Die durch die dokumentierten Schreckensbilanzen des "Sorgentelefons" unwiderleglich nachgewiesenen Kindesmisshandlungen schreien uns die Wahrheit ins Gesicht: Eine Erziehungspraxis, in der Kinder leiden müssen, taugt nichts, und alle sie tragenden Theorien sind obsolet. Eine neue Philosophie des Kindes, die in einer "integralen Anthropologie" (Mächa) zu gründen hätte, wird dann unabweisbar, und sie zumindest ist nicht blosse Nothilfe.
Geboren aus dem Leid und von der Zerstörung angetrieben, die nicht allein für Kinder gilt, hat diese Philosophie nicht zu fragen, was ist besser für Kinder und nach welchen Kriterien und Massstäben soll eine gute Erziehung ausgerichtet werden. Denn dies würde uns erneut dem Pluralismus der Meinungen ausliefern, und die neue Welt auf den Tag nach unserem Sterbetag verschieben. Zu fragen hat eine neue Philosophie des Kindes allein, was wahr ist. Dabei heisst die Leitfrage: Wie ist die Wirklichkeit des "Menschen als Kind" beschaffen, eine Wirklichkeit, die wir offensichtlich heute nur verfehlen. Damit wird keine Utopie gesucht, sondern das Wesen des Menschen geschichtlich bestimmt. Allerdings ist der Mensch noch nicht. Er wird erst in der modernen Technik er selber, vorausgesetzt, er bringt sich nicht zuvor durch den instrumentellen Gebrauch gerade dieser Technik um. Technik als Befreiung des Menschen zum Menschen wird unweigerlich auch die Kinder befreien. Aber ebensowenig, wie unsere Lebensform Technik eine Macht ausserhalb des Menschen ist, sowenig geschieht Verfehlen oder Gelingen unseres technischen Wesens von allein. Es liegt an uns, unseren Möglichkeiten angemessen zu handeln; es ist uns aufgegeben, mit Kindern ebenso sachgemäss umzugehen wie mit einem Computer. Dies heisst gerade nicht, mit einem Kind wie mit einem Computer, und ebensowenig mit einem Computer wie mit einem Kind umzugehen. "Sachgemäss" wird Rücksicht auf das Eigene jedes Sachverhalts genommen. Solches geschieht als Technik. Technik ist also keineswegs auf instrumentelle Technik einzuengen, denn in dieser heute herrschenden Vorstellung ist der Begriff Technik, sein welterschliesender Sinn, zur Definition verkommen. Technik als "Mittel" für vom Menschen gesetzte Zwecke, inzwischen längst als vermeintliche "Sachzwänge" verselbständigt, anzusehen, bringt lediglich eine äusserst vereinseitigte Technik in den Blick, nicht das, was sie wirklich ist.
Platon hat die Wirklichkeit der Technik im Begriff techne gefasst: sie ist vollständiges Lebenswissen des Menschen, die Kunst realen Lebens, und selbstverständlich gehört auch die Erkenntnis dazu. Auch heute noch kann eine phänomenale Auslegung der Technik, die ignoriert, was man für Technik hält, Technik als das Konkrete an all unseren Handlungen entdecken. Was in einem Vorgang, an dem Menschen beteiligt sind, gelingt, ist Technik. Dies ist umfassend zu verstehen: Das Anknipsen des Lichtes gelingt zum Beispiel gegen den Anschein nicht, denn die Gewinnung von Elektrizität ist gegenwärtig eine der gewaltsamen Techniken, zerstört unser Leben, kostet uns viel zu viel. Technik funktioniert nur, wenn sie unmerklich und ungewollt gelingt und unsere Rücksicht auf das Besondere in seinem Zusammenhang verwirklicht. Ein Beispiel dafür ist die Atemtechnik.
Die Trennung von organischen und anorganischen Techniken wird zu Recht immer mehr als Irrtum erkannt. Alle Techniken gehören von sich her zu der humanen Lebenstechnik. Dies gilt ohne Unterschied für den Stoffwechsel wie für die Mikroprozessoren. Beide können gelingen oder misslingen, und dies hängt nicht von unseren Zielen ab. Im Gegenteil, Ziele zu setzen, statt der "Technik des Falles" zu genügen führt unweigerlich zu Misslingen. Dass Technik heute zur Todestechnik wird, darf uns gerade nicht davon abhalten, ihren Lebenssinn zurückzugewinnen. Beste Technik ist Liebe oder Geist — Hölderlin sah darin keinen Unterschied. Theorie als das nur Vorgestellte, Praxis als das nur Verabredete sind bereits Verfallsformen von Techniken.10
4. Technische Welt — Erziehung zur Freiheit
Den Rahmen jeder Philosophie des Kindes bildet die technische Welt, in der wir leben und in der wir heute zu unserem Schrecken lange vor unserer Zeit sterben. Um die verkannte Wirklichkeit unserer Welt in Theorie und Praxis zu erreichen, ist ein "Umdenken, Umschwenken" (Hugo Kükelhaus) von ungekannter Radikalität nötig. Der Mensch als Techniker ist ein unentdeckter Kontinent, vom "Körperwissen" (Rudolf zur Lippe) bis zur Wissenschaft haben wir eine veränderte Lebenseinstellung einzuübcn.11 Gegen alle Gewohnheit müssen wir vestehen lernen: Unsere Denkgesetze sind unvernünftig; was uns einleuchtet, muss falsch sein. Wie anders wäre es möglich, dass es gerade unsere grössten Erfolge sind, die uns töten, und die besten Absichten das schlimmste Unheil zur Folge haben? Chemie und Politik sind dafür schlagende Beispiele. Aber auch in der Erziehung erleben wir immer wieder die Dialektik von Absicht und Erfolg, das Umschlagen ohne versöhnende Synthese. Ohne ein Fundamentales Umdenken der Anthropologischen Bestimmungen ist diese fruchtlose Negativität, die uns der heutigen Wirklichkeit his zum anthropozentrischen Exzess entfremdet hat, riecht aufzubrechen. Skizziert werden kann die andere, die wirkliche technische Welt zunächst durch eine Reihe von Verzichten. Dies liegt nahe, denn die jetzige, von der Technik tödlich gezeichnete Welt birgt allein auch die neue, ist deren fotografisches Negativ. Die Lebensform Technik verzichtet auf uns vertraute Anstatt — Techniken, die uns vor der Epoche der modernen Technik zwar am Leben erhalten haben, aber durch ihre Gewaltsamkeit beim heutigen Stand der Weltbevölkerung zur grössten Gefahr geworden sind. Jeder dieser Verzichte hat auch unmittelbare Bedeutung für die Situation der Kinder, was allerdings hier nicht ausgeführt werden kann.12 Zu verzichten ist zuallerst auf den Staat, auf die formierte Gesellschaft als Norm. Denn hier ist das Vorbild für alle ungerechte Herrschaft, die sich durch vorgebliche Notwendigkeiten zu legitimieren sucht. Was die Technik Staat sinnvoll leistete, von der Müllabfuhr bis zur Rechtssicherheit, kann in Einzeltechniken aufgelöst werden, die miteinander nichts zu tun haben. Die politische Vertretung jedoch ist durch strikte Kommunalisierung der Welt zu leisten. Denn niemand ist berechtigt, sein Betroffensein zu delegieren. Wird auf den Staat verzichtet, dann kann auch auf die Schutztechnik gegenüber dem Staat verzichtet werden, die Privatleben heisst, und die gerade für Unrecht in der Familie oft genug zweckentfremdet wurde. Niemand hat das Recht, sein Leben zu verbergen, wenn er vor Unrecht wirksam geschützt ist. Dies schliesst ein, Sexualität nicht länger als Ordnung und Zuchtmittel zu missbrauchen, wie Michel Foucault sogar noch für die "sexuelle Befreiung" nachwies. Sexualität ist ein Spiel der Lust, körperliche Welterfahrung von grösster Intensität, und niemand ist berechtigt, dafür "abzukassieren".
Verzichten werden wir auch auf Schule und Ausbildung, die sich vom Alltag absondert, auf Arbeit, die unsere Maschinenorgane ausführen können, und auf den Dilettantismus, der sich hinter einer guten Meinung verschanzt und die Wahrheit fürchtet. Schliesslich entspricht dem Verzicht auf den Mythos der Natürlichkeit eine Professionalisierung unseres Weltumgangs, was nichts anderes ist als die Anerkennung unserer Bestimmung, die " Künstlichen von Natur" (Arno Baruzzi) zu sein. Wir werden uns nicht länger auf eine gute Theorie oder eine von der Mehrheit der Menschen politisch gewollte Praxis herausreden dürfen, sondern haben uns durch gelingende Techniken auszuweisen.
Diese Skizze der Rahmenbedingungen einer Philosophie des Kindes ist nicht mit einem politischen Programm zu verwechseln, und enthält keinen Wunschkatalog. Der apodiktische Ton ist Schein, denn tatsächlich handelt es sich um eine Sachbeschreibung. Der Technikphilosoph erklärt eine Menschenwelt dem Untergang geweiht, die nicht jede dieser notwendigen Kehren, deren Aufzählung nicht vollständig ist, zu leisten vermag. Denn anders werden wir den Eintritt in unsere eigene technische Vollendung nicht überleben — dies ist ein kühles analytisches Urteil.12 Verzichte nehmen uns viel von unserem gewohnten Leben, dass der Eindruck entstehen kann, der \L nsch werde gänzlich abgeschafft. Doch in Wahrheit geht es nur um seine ~.rkehrte Gestalt, um das menschliche Unwesen, das heute die Erde zur `1 uste macht. Der Verzicht gibt, wie Heidegger mit dem "Lese- und L;:bcmeister" Eckehart sagte. Der Verzicht macht uns frei, bringt uns ins Offene, erlaubt den Wechsel. Der Verzicht schafft Raum für anderes `erhalten, ihm hat also ein Einüben zu entsprechen.
Drei dieser Einübungen in ein verändertes Weltverhalten, wahre Lebenstechniken des Menschen seien hier genannt. Das wichtigste ist das Einüben in Sterblichkeit, mit der wir endgültig auch innerlich Abschied nehmen von der anthropozentrischen Illustion, wir seien der Mittelpunkt des Universums. Daraus ergibt sich ein "sterbliches Handeln", und dieses vermeidet alle Entschlüsse, die über die je eigene Lebenszeit hinausreichen, obwohl gerade dies als Triumph von Planung und Voraussicht gefeiert wird. Weiter ist ein Denken in Synthesen einzuüben, eine ganzheitliche Auffassung im Gegensatz zur heutigen dichotomisch geprägten politischen und wissenschaftlichen Weltsicht. Diese hat die Welt gewaltsam zweigeteilt und nennt dies anmassend Klarheit. Schliesslich ist das Einüben in Verantwortung von besonderer Bedeutung, allerdings auch stets in Gefahr, zum Anlass für Herrschaft zu verkommen. Aber Verantwortung bedeutet kein besonderes Recht und ist kein Instrument. Verantwortung ist ein sorgsames Vernehmen in der Sprache, die jedem persönlich Welt zuspricht.14
5. Eltern und Kinder — der anthropologische Sachverhalt
Gemäss der angedeuteten Dialektik von Verzichten und Einüben, die uns zur befreienden Technik führt, sollen zuerst die negativen Bestimmungen genannt werden, die der Sachverhalt Eltern-Kind mit sich führt. Ständige Verfügbarkeit instrumentalisiert Menschen, seien es Kinder oder Eltern. Sie werden dann "Bestand" (Heidegger), normiert, jederzeit abrufbar, rücksichtslos vernutzt. Dies heisst Ausbeutung, und kann nicht dem wahren Sachverhalt Eltern-Kind entsprechen, der doch Lebensweise, nicht Selbstmordtechnik ist. Ebensowenig gibt es ein Eigentum, das anderes als sich selbst beinhaltet. Jeder ist sich selber eigen, kommt im "Ereignis Technik" in sein Wesen. Eigentum an anderem ist Raub und keine Begründung dafür je stichhaltig. Auch ist auf den Mythos der Unsterblichkeit zu verzichten, dieser anthropozentrischen Droge für unsere Todesangst. Platon lügt, wenn er uns in unseren Kindern Unsterblichkeit verspricht, und ihnen und uns so die Sterblichkeit mindert. Schliesslich werden wir die Sammeltechnik, die Erziehung heisst, nicht beibehalten, sondern sie sachgemäss in Einzeltechniken differenzieren. Was hat denn das Scheisseabwischen mit Erziehung zu tun, auch wenn manche Eltern mit leuchtenden Augen vom damit zu erzielenden Zuwendungseffekt schwärmen. Erziehung wird sachund das heisst kindgemäss zu sein haben, der schrecklich schreiende einjährige Aron braucht ein anderes Bündel professionell gehandhabter Techniken als die konventionell — vernünftige zwölfjährige Veronika.
Grundsätzlich gilt, dass das Aufziehen von Kindern, ihr Wachsenlassen neben der Kunst und dem Denken die sinnlichste und schönste Arbeit ist, ein unvergleichliches Weltgestalten und Miterleben der Natur. Die "Reproduktion der Gattung" ist anthropologisch die natürlichste Produktion, aus Eigeninteresse unverzichtbar, wenn auch in seinen Formen variabel. Schmusen, Spielen, Kampeln, die Mitfreude an den kindlichen Entdeckungen, die direkte Erfahrung, gebraucht und geliebt zu werden — wo wäre dies alles unverfälschter erfahren? In der Produktion, dem im ursprünglichen Sinn des Wortes "Hervorgclciten" der Kinder stecken für viele neue Berufe, so das sich — wie auch auf anderen Gebieten — die gefürchtete "strukturelle Arbeitslosigkeit" in der Zukunft als schein erweist. Der wichtigste neue Beruf des 21. Jahrhunderts wird jedenfalls einen alten Namen tragen: Eltern, auch wenn diese Arbeit sich von der jetzigen unprofessionellen Tätigkeit in vielen Hinsichten unterscheidet. Wie heute grosse Teile der Volkswirtschaft mit dem Autoverkehr wirtschaftlich zusammenhängen, also mit einer der zerstörerischsten Techniken, wird eine humane Gesellschaft, sollte sie gegen allen Anschein doch zu entwickeln sein, ihre ökonomischen Ressourcen für die Kinder aufwenden.
Dies bedeutet, dass die urwüchsige Weise, Kinder nach eigenem Belieben in die Welt zu setzen, für alle Menschen auf der Erde beendet werden wird. Sprangers "geborener Erzieher" ist keine Utopie, wie Georgi Schischkoff betonte15, sondern in Qualifikationsmerkmalen für Eltern zu übersetzen. Der Elternberuf setzt wie jeder Beruf Eignung voraus, Fähigkeiten, die gerade nicht den Intellektuellen bevorzugen: Geduld, Fürsorge, Respekt, praktisches Wissen. Wie diese angemessen nachzuweisen sind, wäre interdisziplinär zu erarbeiten, sicher nicht durch ein Examen auf kognitiver Basis. Doch wird sich gewiss niemand für den Elternberuf qualifizieren können, der auf mimetische Anpassung beim Kind aus ist, seine Kopie erzeugen will. Die Dialektik von Urvertrauen und Urmisstrauen, von Nähe und Distanz voll einzulösen, wird zu den entscheidenden Techniken des Eltern-Profis gehören; nicht Liebe allein, auch Abstossung und im Grenzfall Hass gehören zum Programm sachkundiger Erziehung. Gelingende Kindheit als Produkt ist ökonomisch wie ökologisch geboten. Dies ist ganz schlicht zu verstehen. Gesellschaft, die keinen Staat braucht, .v ird als humanes Biotop zu begreifen sein, in der notwendigen Weise von Biotopen "funktionieren" und als Technik so ökologisch angemessen sein. Aber auch ökonomisch ist die gelingende Kindheit eine hervorragende Investition. ökonomische Philister, die den Preis von allem, aber den Wert von nichts kennen, wird die durch Computer mögliche Gesamtrechnung von Haupt — und Nebenfolgen gelingender oder misslingender Kindheit überraschen. Was es uns heute allein an ärzten, Richtern, Sozialarbeitern, um nur die an der vorderten Problemfront Tätigen zu nennen, kostet, dass aus verkorksten Kindern missratene Erwachsene werden! Und dies berührt obendrein nur die Oberfläche, denn besonders ökonomisch ist an gelingender Kindheit, dass der Erwachsene seine Fehler gar nicht erst macht. Was wäre uns erspart geblieben, wenn gelungene Erwachsene von sich aus besser regiert, besser gebaut, besser geurteilt hätten? Die Lebensform und die "Wahrheitswitterung" der Kinder kann uns Hinweise auf ein ethisches Weltverhalten geben, wie Wittgenstein gewusst hat und die "Kinderphilosophie" gegenwärtig zu erschliessen sucht.16
Zusammengefasst ergibt eine heutige Philosophie des Kindes, die nicht mehr als ein mutiger Wegweiser zu einer "integralen Anthropologie" sein kann, dass eine interdisziplinäre Bestimmung des Berufsbildes Eltern und des Produkts gelingende Kindheit notwendig, ja überfällig ist. In der Zwischenzeit ist im Namen der Kinder auf allen Ebenen Widerstand gegen Versuche zu leisten, "sterblichem Handeln"auszuweichen und die Zukunft der Kinder zu verplanen. Jede Praxisänderung haben wir am eigenen Leib zu erproben, und Verantwortung können wir nicht delegieren. Moral ist nach Schopenhauer nur das, was wir selber tun, im Mitleiden mit aller ebenso gefährdeten und geschundenen Kreatur. Das "Sorgentelefon für Kinder" wird uns anstacheln, wenn wir "realistisch" werden wollen, es soll unseren Zorn, der keine Kompromisse macht, weissglühend halten. Die Opfer, denen das "Sorgentelefon" eine Stimme gab, sollen nicht umsonst gelitten haben. Und wenn wir eine aktuelle Forderung im heutigen politischen Rahmen erheben sollten, dann diese, mit den Menschenrechten für Kinder ernst zu machen, und das allgemeine Wahlrecht auf Kinder auszudehnen. Politiker berufen sich bei ihren die eigene Sterblichkeit missachtenden Planungen auf das im demokratischen Staat unangreifbar scheinende Votum einer Mehrheit. Aber diese Mehrheit existiert in Wahrheit nicht, denn unberücksichtigt bleiben die Lebensinteressen der Kinder. Nicht im einzelnen, aber in der Grundtendenz sind sie deutlich zu erkennen und von wirklichen Sachwaltern oft genug angemahnt worden. Das Grundinteresse der Kinder besteht einfach genug darin, mich dann noch wie Menschen auf der Erde existieren zu können, wenn die heutigen unverantwortlich Verantwortlichen längst toto sind. Die sünden der Vergangenheit sind kein Schicksal. Lebensstandard nach dem Vorbild der Industiestaaten, also Konsum und Arbeitsplatzsicherung, sind den Kindern völlig gleichgültig, wenn sie durch Zerstörung, Zersiedlung, Vergiftung und atomare Bedrohung erkauft sind. Solche Schläue ist Wahnsinn; das Sterben von Pflanze, Tier und Mensch ist niemals die Wahl der Kinder. Also hat das gegenwärtige Gesellschaftssystem, hat die heutige Weltwirtschaftsordnung auch nicht die Mehrheit der Menschen hinter sich. Versklavung der Kinder und Ausbeutung der Eltern sind anthropologisch nicht notwendig und wären in der technischen Welt zu beenden. Wir haben bei uns selber anzufangen, und uns bleibt keine Wahl. Denn die unannehmbare Alternative wäre, durch misslingende Erziehung entscheidend zum sich abzeichnenden Tod der Gattung Mensch beizutragen.
ANMERKUNGEN
1. Dossier Nr. 1: Psychische Kindsmisshandlungen, körperliche Kindsmisshandlungen. Hrsg.: Sorgentelefon für Kinder. Aefligen 1981, und Stiftung Sorgentelefon für Kinder: Jahresbericht 1988/89. Aefligen 1989.
2. A. Miller: Am Anfang war Erziehung. Frankfurt/Main 1980; dies.: Du sollst nicht merken. Frankfurt/Main 1981.
3. M. Fritzen: Zwischen Streunen und Disko, Automatenknacken und Flippern. Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 40, 17. 2.1982, S. 9 — 10.
4. E. von Braunmühl: Antipädagogik. Weinheim 1980; ders.: Zeit für Kinder. Frankfurt/Main 1981. Noch konstruktiver ist jetzt ders.: Der heimliche Generationenvertrag. Reinbek 1986.
5. T. Gordon: Die Familienkonferenz. Hamburg 1982.
6. E. Dessai: Erziehung ohne Elternstress. München 1981.
7. K. Mächa: Hundert Thesen zu einer Integralen Anthropologie. Frankfurt am Main — Bern 1983.
8. F. Fröbel: Die Menschenerziehung. Bochum 1973.
9. Zum sozialen Hintergrund technischer Medien vgl. Forschungsgruppe Telekommunikation (Hrsg.): Telefon und Gesellschaft. Berlin 1989.
10. W. Schirmacher: Ereignis Technik. Wien 1990; ders.: Technik und Gelassenheit. Freiburg/München 1983.
11. R. zur Lippe: Am eigenen Leibe. Zur ökonomik des Lebens. Frankfurt/Main 1979.
12. "Lebensräume für Kinder" eröffnen sich. Vgl. zu guten Ansätzen das "Jahrbuch für Kinder 6" (Weinheim/Basel 1989).
13. W. Schirmacher: ökosophie. Denken gegen das Sterben der Gattung Mensch. Wien 1991.
14. W. Schirmacher: Lebenstechnik. In: Denken nach Heidegger. Wien 1991.
15. Vgl. W. Schirmacher: Erziehung zur Kultur. Saarbrücker Zeitung Nr. 128, 4. 6. 1982, S. 6.
16. Karl Brose: Wittgenstein als Sprachphilosoph und Pädagoge. Frankfurt 1987. Pädagogische Sprachspiele sind din ihrer reizvollsten Form Philosophieren mit Kindern. Ein Pionierwerk ist hier M. Lippman/A. M. Sharp: Growing up with Philosophy. Philadelphia 1978, aber auch G. Matthews: Dialogues with Children. Cambridge, Mass. 1984. Den Zusammenhang mit der philosophischen Tradition stellt her H. — L. Freese: Kinder sind Philosophen. Berlin 1989.
New York 1989
ANHANG Heinz Peyer (Aefligen/Schweiz)
Das Sorgentelefon für Kinder — ein phänomenologischerAufweis
Die anthropologische Symbiose zwischen Eltern und Kindern gelingt, wenn keiner sie bemerkt. Wenn jedoch das Sorgentelefon klingelt, ist das Kind bereits gefährdet. 1988 hatten wir 8505 Anrufe (zum Vergleich: 1987 4165).
Zum Hilfeangebot des Sorgentelefons: es beraten 50 Laienberater (Männer und Frauen), die sich im 4 — Stunden — Rhythmus ablösen. Verlangt ein Kind oder ein Jugendlicher über die Telefonberatung hinaus Hilfe, stehen ihm folgende Dienstleistungen zur Verfügung:
Der juristische Dienst, der ärztliche Dienst, ein "Tantendienst" für diejenigen, die sich jemand wünschen, der ihnen zum Geburtstag ein kleines Geschenk macht, an Weihnachten an sie denkt. Dann gibt es die Patenschaft, jemand übernimmt finanzielle Hilfestellung, und den Sonderdienst, um verzweifelten Kindern und Jugendlichen ganz besondere Wünsche zu erfüllen, z. B. ein Besuchstag beim Tierarzt, beim Lieblingsschriftsteller oder Zugfahren.
Die Anrufe 1988 im überblick:
2835Still-, Lausch- und Neugieranrufe
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